Inspirationen vom anderen Ende der Welt

Zum nachsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ von Papst Franziskus

von Thomas Pogoda

 

„Ich habe auch nicht vor, es hiermit zu ersetzen oder zu wiederholen.“ (QA Nr. 2)

Mit diesen Worten steckt der Bischof von Rom, Papst Franziskus, den Rahmen ab, in dem er mit seinem nachsynodalen Schreiben „Querida Amazonia“ (QA) reflektierend auf die außerordentliche Bischofsynode zu Amazonien und deren Schlussdokument schauen will. An diesen Text waren große Erwartungen – nicht zuletzt in der sich ebenfalls auf einem Synodalen Weg befindende katholische Kirche in Deutschland – geknüpft: Würde der Papst etwa eine Entscheidung über die Frage zu Ausnahmen vom priesterlichen Zölibat treffen? Doch das Thema Zölibat kam im Schreiben nicht vor. In der Frage der Zulassung von Frauen zu Weiheämtern rief das Schreiben – auch im Blick auf das dort artikulierte Frauenbild – bei Kommentierenden Irritation und Enttäuschung hervor.

Auch wenn diese – m. E. durchaus berechtigten – Wünsche mit direkter päpstlicher Entscheidung auf einem kurzen Weg nicht erfüllt wurden, so erscheint mir QA gleichzeitig als ein bemerkenswertes Dokument! Warum? Und welche Orientierungen deuten sich an?

1. Mehr Synodalität wagen

Franziskus macht in der Art, wie er in seinem nachsynodalen Schreiben kommuniziert, ernst mit seinem immer wieder ausgesprochenen Wunsch nach einer synodalen Kirche. Er greift das Schlussdokument der Synode – und die dazugehörigen Gespräche und Erwägungen – auf und würdigt es:

 „Zugleich möchte ich das Schlussdokument offiziell vorstellen. Es bietet uns die Folgerungen der Synode, an der viele Menschen mitgearbeitet haben, die die Problematik Amazoniens besser kennen als ich und die Römische Kurie, da sie dort leben, mit ihm leiden und es leidenschaftlich lieben. Ich habe es daher vorgezogen, das Schlussdokument in diesem Apostolischen Schreiben nicht zu zitieren, weil ich vielmehr dazu einlade, es ganz zu lesen.“ (QA Nr. 3)

Er macht sich das Schlussdokument der Synode zu eigen und zur Grundlage einer gemeinschaftlichen Entwicklung der Kirche in Amazonien … und spielt damit der Kirche in Amazonien den Ball zurück: „ich ersetze oder wiederhole nicht“. Der Bischof von Rom achtet seine Weggefährten in Amazonien mit ihren in der Synode ausgesprochen und mit Mehrheit gefundenen Überlegungen. Zugleich sind die Ortskirchen gefordert, nun selbst Konsequenzen zu ziehen und ihre eigenen Schritte zu gehen.

Die weitere Wegstrecke der Kirche in Amazonien – und darüber hinaus – kann wiederum in einem gemeinsamen Hören und Zuhören auf die Geschwister und den Heiligen Geist nur synodal sein: Der Gedanke einer synodalen Kirche zieht sich in der Tat wie eine roter Faden durch das Schlussdokument.

Und es kommt noch ein Moment hinzu: 2018 hatte Papst Franziskus mit der Apostolischen Konstitution Episcopalis communio die Regeln der Bischofssynode überarbeitet. Nicht nur dass hier eine der Synode vorausgehende Befragung der Ortskirchen verbindlich wird, sondern auch die Anschlussdokumente einer Synode bekommen eine Wertigkeit: Wenn es durch den Papst approbiert – meint offiziell bestätigt – wurde, ist es Teil seines ordentlichen Lehramtes (So in Episcopalis communio § 18 geregelt). Diese Regelung dürfte auch für das Schlussdokument der Amazonas mit ihren Vorschlägen anzunehmen sein.

Könnte es sein, dass solch ein Umgang mit dem Schlussdokument einer Synode ein Weg ist, der dem Gedanken einer Synodalität am ehesten entspricht? Geht doch Synodalität von einer breit angelegten Gegenseitigkeit aus, in der unterschiedlich ausgerichtete Meinungen miteinander weitergehen müssen. Könnte es ebenfalls sein, dass ein starkes Votum des Papstes für eine Richtung – wie immer es auch ausgefallen wäre – dem Gedanken einer Synodalität eigentlich widersprechen würde? Zeichnet sich doch in das Bild einer synodalen Kirche ein sehr dynamischer Charakter ein, da es doch einer Vielfalt in den Gestalten von Nachfolge gerecht werden muss. Und dieser Dynamik entspricht wohl eher ein Petrusdienst, der die Unterschiedlichkeit und Vielgestaltigkeit im Volk Gottes moderiert, vor Statik und Unbeweglichkeit bewahrt und auf der Grundrichtung der Bewegung hält.

In diesem Sinne ist vielleicht gefordert, mehr Synodalität zu wagen. Mehr Synodalität bedeutet von allen Beteiligten Bereitschaft, sich auf die Vielgestaltigkeit und damit mögliche Andersartigkeit der Gesprächsgegenüber einzulassen. Mehr Synodalität braucht zugleich bei allen Beteiligten Bereitschaft, die eigenen Einstellungen und Meinungen einer Überprüfung zu unterziehen und wenn nötig auch zu ändern. Das gilt umso mehr, da sich Kirche in Deutschland in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess befindet, der alte Gewiss- und Verfasstheiten nicht mehr tragfähig sein lässt. Und eben dieser Veränderungsprozess ist nur in synodaler Aufmerksamkeit zu bewältigen: in dem Getaufte und Ordinierte miteinander diese Veränderungen verantworten. Vermutlich wird sich ein Leitungsdienst in einem Bistum oder einer Anzahl von Bistümern oder in anderen Gemeinschaften an der synodalen Zurückhaltung – wie sie sich mit QA zeigt – ein Beispiel nehmen müssen: die Perspektiven offen zu halten, damit Volk Gottes sich dynamisch in eine Gegenwart hinein weiterbewegen kann, ohne statisch zu verharren. Vielleicht kommt es im Leitungsdienst zunehmender darauf an, dass nicht der eine Inspirator den Ton angibt, sondern dass er sich einmal mehr in einem Dienst am Wachsen der Geschwister stellt. 

2. Die Kultur eines Landes neu annehmen

Unbeweglichkeit wird man QA nicht unterstellen können, denn der Bischof von Rom fordert ja dazu auf, in einen gesamtkirchlichen Lernprozess einzutreten. Das Schlussdokument der Amazoniensynode erscheint ihm dabei als eine angemessene, empfehlenswerte Lektüre: Es solle neben der Beantwortung zu den Fragen Amazoniens „auch anderen Regionen der Erde im Hinblick auf ihre eigenen Herausforderungen als Anregung dienen können“ (QA Nr. 5).

So gesehen kann die Amazoniensynode für die katholische Kirche in Deutschland Anregung sein, wenn sie ihre Fragestellungen im Synodalen Weg zu beantworten sucht. In seinem Schreiben formuliert der Bischof von Rom „bescheiden“ vier Visionen, zu denen Amazonien ihn inspiriert habe. Dabei ist ihm wichtig:

„Alles, was die Kirche anzubieten hat, muss an jedem Ort der Welt auf eigene Art Fleisch und Blut annehmen, in einer Weise, dass die Braut Christi vielfältige Gesichter erhält, die den unerschöpflichen Reichtum der Gnade besser ausdrücken.“ (QA Nr. 6)

Damit setzt sich das Motiv einer konkreten Ortskirche fort, die für ihren Kontext die eigenen Wege der Inkulturation finden muss. Inkulturation – auch als Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Identität – ist für Franziskus ein entscheidender Schlüsselbegriff und Interpretationsrahmen (vgl.: QA Nr. 66).

Wie wäre es nun, wenn die katholische Kirche in Deutschland oder auch die Kirche im Bistum Magdeburg sich der Frage stellt, wie – mit den Begriffen von Franziskus und der Synode – sich eine Inkulturation der Spiritualität, der Heiligkeit, des Evangeliums aber auch der kirchlichen Organisationsformen und kirchlichen Ämtern (vgl. QA 85) in einer sich vermehrt säkular zeigenden Gesellschaft und Kultur verwirklichen kann?

Diese Orientierung ist nicht ohne Tiefenwirkung! Denn sie stellt Kirchen – die sich ernsthaft auf einen solchen Weg machen wollen – vor die Frage, inwieweit Sie die Kultur Ihres Umfelds ernstnehmen und hier das Evangelium, das Christliche, das Glaubende in angemessener Weise wiederfinden können. Anders gefragt: Wo und wie kann sich ein glaubender Lebensstil auf die Wirklichkeiten einer deutschen Kultur einlassen und diese auch aufnehmen? Es ist damit zu rechnen, dass dies die kirchliche Kultur – wie sie uns gewohnt und vertraut ist – auf den Kopf stellen wird. Möglicherweise gelingt eine Inkulturation in eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts – und wird vermutlich das eine oder andere, in dem sich das Evangelium in eine Gesellschaft früherer Jahrhunderte inkulturierte, (vielleicht auch dankbar) hinter sich lassen.

3. Umstellung der Perspektiven

Dann stellt die Themengewichtung, die in den Visionen von QA durchscheint, die Perspektiven um: eine soziale Vision, eine kulturelle Vision, eine ökologische Vision und dann erst eine kirchliche Vision. Anders gesagt: der Blick auf die Art und Weise, wie Kirche sich organisiert und darstellt, tritt hinter einen Blick auf die „Nachbarschaft“ – also die Welt, die Kultur, die Menschen – zurück. Das „Andere“ wird wichtiger als das „Eigene“!

Dieses korrespondiert dann auch mit dem im Schlussdokument der Synode formulierten Selbstverständnis einer Kirche in Amazonien:

„Eine samaritanische, barmherzige und solidarische Kirche[, …] die eine dienende, verkündende, bildende und inkulturierte Kirche inmitten der Völker sein [will, denen sie dient].“ (Schlussdokument der Synode Nr. 22)

Dieser Bezug auf die dienende Seite der Kirche – die sich an die Seite der Menschen stellt, um ihnen zu Diensten zu sein – kann eine Anregung aus der Kirche Amazoniens für uns als Kirche in Europa oder als Kirche in Mitteldeutschland sein. Wie verstehen wir uns als Christinnen und Christen in einer Welt, die so ist, wie sie einfach ist. In der wir (nur?) ein Teil in einem größeren Konzert unterschiedlicher Stimmen sind. Könnte es sein, das es gerade der Dienst für die Anderen – die Nächsten – der Ort ist, an dem wir in einem zunehmend säkularen Umfeld glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums sein können?

In dieser, sich aus dem Selbstverständnis einer dienenden Kirche ergebene Konsequenz erscheint es dann auch schlüssig, wenn die Synode etwa auch ihr Verständnis des Ständigen Diakonats verdeutlicht, dessen „Förderung, Ausbildung und Unterstützung … [sie] dringend erforderlich“ erachtet:

„Heutzutage muss der Diakonat auch die ganzheitliche Ökologie, die Entwicklung des Menschen, die Sozialpastoral voranbringen als ein Dienst an Menschen, die sich in verwundbaren Situationen und in Armut befinden, und so jenem Christus ähnlich werden, der gekommen ist zu dienen.“ (Schlussdokument der Synode Nr. 104).

Vor dem Hintergrund seiner Gewichtung und dem Selbstverständnis der Kirche in Amazonien erschließt sich, warum es in den Augen von Franziskus noch zu wenige Ständige Diakone gebe (vgl. QA Nr. 92). Denn hier scheint es ihm eher um den Dienst an den Menschen, als um einen vordergründigen Dienst am inneren Leben der Kirche zu gehen. Diese Perspektive kann anregen, ein Verständnis vom Ständigen Diakonat im Zivilberuf zu entwickeln, in dem Männer – und Frauen – sich in einen Dienst Christi am Leben der Nächsten stellen. Und damit werden sie in einer sehr eindrücklichen, angemessenen  Weise zu Missionarinnen und Missionaren.

4. Für eine von Laien geprägte kirchliche Kultur

Bemerkenswert ist schließlich die Vision von Kirche, die Franziskus entwirft und die auch uns als Kirche in Deutschland etwas Deutliches zu sagen hat:

„Eine Kirche mit amazonischen Gesichtszügen erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter Laien-Gemeindeleiter, die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen und zugleich Raum lassen für die Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist in uns sät. Denn dort, wo eine besondere Notwendigkeit besteht, hat der Heilige Geist bereits für die Charismen gesorgt, die darauf antworten können. Dies setzt in der Kirche die Fähigkeit voraus, der Kühnheit des Geistes Raum zu geben sowie vertrauensvoll und konkret die Entwicklung einer eigenen kirchlichen Kultur zu ermöglichen, die von Laien geprägt ist. Die Herausforderungen Amazoniens verlangen von der Kirche eine besondere Anstrengung, um eine Präsenz in der Fläche zu erreichen, was nur zu verwirklichen ist, wenn die Laien eine wirksame zentrale Rolle innehaben.“ (QA Nr. 94; die Hervorhebung stammt von Franziskus selbst)

Sehr deutlich wird in diesem Abschnitt von QA, dass Kirche – hier am Beispiel der Kirche von Amazonien durchgespielt – in der Erfordernis steht, dass Laien die Verantwortung für Verwirklichung des Kirche-seins übernehmen. Kirche solle nach dem Bischof von Rom, von Laien geprägt sein.

Dieses Denken einer Kirche von Laien her hat seine Entsprechung auch in einem genaueren Blick auf den Dienst der Priester. Zwar erinnert Franziskus an die nicht delegierbaren Aufgaben eines Priesters in der Eucharistie, in den Sakramenten der Versöhnung und der Krankensalbung, zugleich sieht er nicht Macht und höchste Autorität in der Gemeinschaft als den besonderen Charakter der Priester. Vielmehr gehe es für den priesterlichen Dienst darum, auf „die Heiligkeit der Glieder“ der Kirche ausgerichtet zu sein (vgl. QA Nr. 87). Der Dienst der Priester ist auf den Dienst der Laien ausgerichtet. Jeder und jede wird sich selbst fragen müssen, wie viel es an Neuorientierung die Kirchlichkeit braucht, die selbst konkret erfahren wird. Hier deutet der Papst einen Dienst der Priester an, wie er in einer Kirche mit wenigen Priestern – dies gilt für Amazonien und die deutsche Kirche erahnt zunehmend, was dies bedeuten könnte – gelebt werden kann.

Franziskus wünscht sich mehr Priester, stellt zugleich aber fest:

„Dies wäre ein sehr begrenztes Ziel, wenn wir nicht auch versuchen würden, neues Leben in den Gemeinden zu wecken. Wir müssen die Begegnung mit dem Wort und das Wachstum in der Heiligkeit durch verschiedene Laiendienste fördern, …“ (QA Nr. 93)

Ein solcher Dienst könnten die oben angesprochenen „Laien-Gemeindeleiter“ sein. Damit schlägt Franziskus einen Weg vor, der in eine ähnliche Richtung zu gehen scheint, wie die – im Bistum Magdeburg versuchte – Pfarreileitung im Team (Vgl. dazu QA Anmerkung 136). Aber darüber hinaus hält solch eine Skizze von Kirche den Raum für eine Vielfalt an Verantwortung und Diensten offen, für die sich Frauen und Männern engagieren wollen. Diese Prägung einer Kirche von Laien her macht auch deutlich, warum sich Franziskus immer wieder gehen eine Prägung einer Kirche vom Klerus her – in welcher Form auch immer – wendet.

Könnte dies vielleicht eine Wurzel – neben seiner doch sehr eigenen Vorstellung von Frau-sein – sein, warum der Bischof von Rom einer sakramentalen Weihe von Frauen zurückhaltend gegenübersteht? Zugleich stellt er jedoch den Wunsch der Synode im Blick auf einen Diakonat der Frau weiterzudenken (Schlussdokument der Synode Nr. 103) offiziell vor.

Im Blick auf Frauen in der Kirche hält er fest und macht damit er eine eigentlich sehr deutliche Ansage:

„Das bedeutet auch, dass Frauen einen echten und effektiven Einfluss in der Organisation, bei den wichtigsten Entscheidungen und bei der Leitung von Gemeinschaften haben, …“. (QA Nr. 103)

Wie sich dies in eine konkrete kirchliche Kultur übersetzt, liegt in der Verantwortung von Menschen in der Kirche und bedarf vermutlich einmal mehr ein neu Verstehen und neu Vereinbaren wie wir – in diesem Fall wir als Christinnen und Christen in Deutschland – Kirche sein wollen. Für die Kirche von Deutschland auf ihrem synodalen Weg ein Muss!

 

Mag QA an manchen Stellen auch unbefriedigend erscheinen, so kann es zugleich ermutigen:

  • mit seinem faktischen Vollzug von Synodalität, die die Kirche in Deutschland bestärken kann, auf ihrem Synodalen Weg eigene – inkulturierte – Antworten zu finden;
  • mit der solidarischen, diakonischen Grundhaltung, die eine Kirche an die Seite ihrer Mitmenschen stellt;
  • und mit dem Hinweis im Zusammenwirken von Laien und Priestern zu einer von den Laien geprägten kirchlichen Kultur zu kommen.

 

28.2.2020

Zitierte Texte:

Abschlussdokument der Sonderversammlung der Bischofssynode für den Amazonas in Rom. Deutsche Übersetzung: http://www.adveniat.de/schlussdokument-amazonassynode

Nachsynodales Apostolisches Schreiben Querida Amazonia von Papst Franziskus an das Volk Gottes und an alle Menschen guten Willens. Deutscher Text unter: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_exhortations/documents/papa-francesco_esortazione-ap_20200202_querida-amazonia.html

Apostolische Konstitution Episcopalis communio (15. September 2018). Deutscher Text unter: http://w2.vatican.va/content/francesco/de/apost_constitutions/documents/papa-francesco_costituzione-ap_20180915_episcopalis-communio.html